Vorwort Dr. med. Roland Ballier
Natürlich wünschen sich die Betroffenen eine Diät, die
Gewicht, Wohlbefinden und Gesundheit schnell und einfach ins Lot bringt.
Der Verzicht auf nur einen Nahrungsbaustein, wie Dr. Atkins ihn propagiert,
kann das nicht leisten, auch wenn das immer wieder hartnäckig behauptet
wird.
So simpel funktioniert gesundes Abnehmen nicht. Gesundheit und Wohlbefinden hängen vom gesamten Lebenswandel ab, von der Lebenseinstellung, Bewegungsgewohnheiten, ausgewogener Ernährung und der Fähigkeit zum Genuss.
Alle diese Aspekte werden bei einer so extremen Diät wie der von Dr. Atkins vollkommen außer Acht gelassen. Die Patienten werden – zumindest bei der ursprünglichen Version der Diät – nicht zu Sport animiert, sie werden gezwungen, auf erwiesenermaßen gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse zu verzichten. Die Folgen sind Mangel an Vitaminen und Ballaststoffen und vor allem ein trauriges Lebensgefühl: Atkins-Jünger können kaum ein normales Gericht mit Freunden mitessen, dafür leiden sie an Verstopfung, Mundgeruch und Unterzuckerung. Das ist ein denkbar schlechter Einstieg in ein gesünderes, gesundheitsbewußtes Leben!
Es ist die wichtigste Aufgabe eines Arztes, dazu beizutragen,
dass Krankheiten vermieden werden, und erst die zweitwichtigste
Aufgabe, Krankheiten zu lindern oder zu heilen. Eine entscheidende Rolle bei der Vorbeugung spielt die Ernährung, und wie keine andere
Körperfunktion hat das Essen einen Einfluss auf den gesamten
Stoffwechsel, die Psyche und damit das Wohlbefinden. Essen ist gesellig,
es verbindet, und es befriedigt, nicht nur weil es statt macht, sondern ein
abwechslungsreiches, sinnliches Vergnügen ist.
Als Arzt halte ich es für grundfalsch und gefährlich, Menschen im Namen der Gesundheit eine so einseitige und dauerhaft unvorteilhafte Ernährungsweise zu empfehlen, wie mein Kollege Atkins das tat. Gesundheit ist ein komplexes Gesamtkunstwerk, das durch so einseitige Eingriffe eher Schaden nimmt, als dass es sich regeneriert.
In unserer Wohlstandsgesellschaft ist Fehlernährung eines der Hauptprobleme des Gesundheitswesens. Es ist also richtig und wichtig, sich mit neuen, anderen Ernährungsformen auseinanderzusetzen. Auch unkonventionelle Ansätze müssen deshalb ernst genommen und auf ihre Wirkweise überprüft werden. Doch der kritische Blick auf eine Ernährungsmethode erfordert umfassende Recherche, die Lektüre von Langzeitstudien und eine genaue Auseinandersetzung mit möglichen Nebenwirkungen. Viel zu wenig Ärzte und kaum ein Patient können das leisten.
Peggy Reichelt hat das Phänomen Atkins nicht als Mode-Schrulle abgetan, sondern sorgfältig geprüft. Ihre umfangreiche Analyse der wissenschaftlichen Grundlagen, Studien und Hintergründe des umstrittenen Ernährungsprogramms zeigt, wie wenig kritisch die meisten mit der kohlenhydratfreien Diät umgehen. Ihr Buch hilft Laien wie Ärzten, sich ein fundiertes Urteil über die kohlenhydratfreie Diät zu bilden.
Vorwort Peggy Reichelt
Wäre das nicht schön: Essen so viel man will und was man will, und dabei gesund und schlank werden?
Schlemmend zu perfekten Blutwerten und zur Traumfigur? Kein Wunder, dass die Diät-Revolution nach Dr. Atkins derzeit so viele begeisterte Anhänger findet. Die Diät erlaubt unbegrenzt Fleisch und Fett. Stat trauriger abgezählter Mini-Möhrchen gibt es bei Atkins Hummer mit zerlassener Butter, Steak mit Sauce Hollandaise, Rührei mit Speck.
Trotzdem – das bestätigen einige wissenschaftliche Studien – nehmen die Patienten bei dieser Völlerei ab. Ist das nicht ein Grund, diese einst in Vergessenheit geratene Methode wieder zu propagieren?
Ich frage anders: Sollten Ärzte für Zigaretten werben, weil Menschen, die mit dem Rauchen anfangen, nachgewiesenermaßen abnehmen? Wohl kaum. Denn Langzeitstudien zeigen eindrucksvoll, dass Tabakrauch schlecht für die Adern ist, Krebs hervorruft und damit das Leben verkürzt.
Und Atkins? Mehr als 30 Jahre lang propagierte er seine Fett und Fleischdiät und hat nach eigenen Angaben mehr als 60.000 Patienten behandelt. Trotzdem hat er nie Daten veröffentlicht, die belegen, dass es seinen Patienten über die Jahre gut geht. Solche Studien werden in der Regel so gemacht, dass Fragebögen an die Diätteilnehmer verschickt werden und die Ergebnisse statistisch zusammengefasst werden. Sie sind also weder teuer
noch aufwändig. Warum also gibt es keine Langzeitstudie, die zeigt, dass die Extrem-Diät des Dr. Atkins tatsächlich sicher ist?Wer sich die Mühe macht, die medizinischen Grundlagen nachzuvollziehen, ahnt warum. In den wissenschaftlichen Datenbanken finden sich ab dem Jahr 1966 bis zum Frühjahr 2004 2.609 Artikel zum Thema kohlenhydratarme Diäten. Aber nur 94 davon berichten von Studien, die seriös und sauber aufgearbeitet sind und so aufgebaut, dass sie eine vernünftige Aussage über die beschriebene Diät geben. D.h. weniger als ein Prozent der Fachliteratur beschreibt Experimente, die länger als vier Tage dauerten oder die der Diät haltenden Gruppe eine Kontrollgruppe zum Vergleich gegenüberstellten. Nur in vier Untersuchungen wurde die Diät über mehr als 90 Tage begleitet. Niemals würde ein Medikament zugelassen, das derart dürftig getestet worden ist!
Kohlenhydratarme Diäten wie die von Dr. Atkins werden aber mittlerweile auch von Ärzten empfohlen. Sicher, einige der Studien zeigen, dass Menschen, die auf kohlenhydratreiche Kost wie Nudeln, Brot, Reis und Kartoffeln verzichten, abnehmen und ihre Blutwerte verbessern. Zeitschriften drucken Rezepte und eindrucksvolle vorher-nacher-Geschichten, Neuauflagen der alten Atkins-Diätbücher boomen, und die Tageszeitungen berichten auf ihren Wissenschaftsseiten von den Sensationserfolgen der Atkins-Diät.
Nur, dass bei den beiden neusten Studien, die beide im renommierten Fachblatt „New England Journal of Medicine“ erschienen, von den anfänglich 132 und 63 Studienteilnehmern nur gut die Hälfte, nämlich 79 und 37 Versuchspersonen, durchhielten, darüber berichtet niemand. Niemand fragt sich, warum so viele selbst unter medizinischer Betreuung die Diät nicht durchhielten. Ob sie wegen der üblichen Nebenwirkungen der Atkins-Kost, nämlich Verstopfung, Mundgeruch und schlechter Laune, aufgaben oder ob ernsthafte Gesundheitsprobleme die Extremernährung unmöglich machten?
Dieses Buch zeigt auf anschauliche Art und Weise die wakkelige wissenschaftliche Basis des Low-Carb-Diät-Hypes. Es beschreibt die historischen, wirtschaftlichen und natürlich die medizinischen Hintergründe der Diätwelle und zeigt, wie Verbraucher mit Halbwahrheiten geschickt manipuliert werden. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild, bevor Sie auf vernünftiges Essen verzichten!
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